Plötzlich ist alles anders

Wenn ein einziger Moment das Leben in ein Davor und ein Danach teilt
Eine Diagnose. Ein Unfall. Ein Anruf. Ein Satz, nach dem die Welt nicht mehr dieselbe ist.
Vielleicht erfährt ein Mensch, dass ihm wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit bleibt.
Vielleicht steht ein Angehöriger morgens auf und glaubt, es sei ein Tag wie jeder andere – und am Abend ist nichts mehr so, wie es am Morgen war.
Das Leben fragt nicht, ob wir darauf vorbereitet sind.
Manchmal gibt es diesen einen Moment, der das Leben in ein Davor und ein Danach teilt.
Und vielleicht kann man auf manches auch gar nicht vorbereitet sein.
Wenn die Welt aus den Fugen gerät
In solchen Momenten müssen wir nicht sofort funktionieren. Wir müssen nicht gleich wissen, wie es weitergeht. Und wir brauchen auch nicht auf alles eine Antwort.
Manchmal geht es zunächst nur darum, da zu sein.
Eine Hand zu halten.Zuzuhören.Gemeinsam auszuhalten, dass das Leben gerade aus den Fugen geraten ist.
Vielleicht gibt es Tränen. Vielleicht Sprachlosigkeit. Vielleicht auch das Bedürfnis, etwas ganz Alltägliches zu tun, weil das Unbegreifliche für einen Moment einfach zu groß ist.
Es gibt kein richtiges oder falsches Empfinden in solchen Augenblicken.
Und irgendwann, vielleicht viel später, geht es darum, vorsichtig den nächsten Schritt zu gehen.
Das vermeintlich selbstverständliche Heute
In meiner Arbeit als Trauerrednerin und in der Begleitung von Menschen an den Übergängen des Lebens begegne ich immer wieder solchen Momenten.
Dabei wird mir jedes Mal bewusst, wie kostbar das scheinbar Selbstverständliche ist:
ein ganz gewöhnlicher Tag,ein Gespräch,eine Berührung,ein gemeinsames Lachen,ein „Bis später“.
Wir leben häufig mit einem stillen Vertrauen auf ein Später.
Das Gespräch können wir noch führen.Den Besuch können wir nachholen.Das „Danke“ können wir irgendwann sagen.Für das „Ich hab dich lieb“ wird noch Gelegenheit sein.
Meistens ist dieses Vertrauen etwas Gutes. Wir könnten unser Leben kaum leben, wenn wir ständig an seine Endlichkeit dächten.
Und doch gibt es diese Momente, in denen uns bewusst wird:
Unsere gemeinsame Zeit ist kostbar, gerade weil sie nicht selbstverständlich ist.
Was bleibt, wenn plötzlich alles anders ist?
Vielleicht sind es am Ende gar nicht die großen Dinge.
Vielleicht bleiben eine bestimmte Art zu lachen. Ein vertrauter Satz. Ein gemeinsames Lied. Eine kleine Eigenheit, über die man sich früher manchmal geärgert hat und die man plötzlich schmerzlich vermisst.
Geschichten.
Erinnerungen.
Und das Wissen: Dieser Mensch war Teil meines Lebens. Und etwas von ihm bleibt darin bestehen.
Auch deshalb sind Erinnerungen für mich bei der Gestaltung eines Abschieds so wichtig. Nicht nur die großen Lebensstationen erzählen von einem Menschen. Häufig sind es gerade die kleinen, scheinbar nebensächlichen Geschichten, in denen er noch einmal ganz lebendig wird.
Denn wir wissen nicht, wann aus einem selbstverständlichen Heute plötzlich eine Erinnerung wird.
Vielleicht ist genau deshalb heute ein guter Tag, einem Menschen zu zeigen, dass er uns wichtig ist.
Sabine NickelFreie Trauerrednerin
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