top of page

Die Liebe bleibt. Und das Leben geht weiter.

vor 4 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Gedanken zu Allerheiligen über Trauer, Erinnerung und die Menschen, die zurückbleiben.


Manchmal beginnt das Weitergehen mit einem einzigen Schritt.
Manchmal beginnt das Weitergehen mit einem einzigen Schritt.

An Allerheiligen werden vielerorts Gräber geschmückt, Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet. Menschen halten inne und erinnern sich an diejenigen, die nicht mehr unter uns sind.


Mich beschäftigen an diesem Tag besonders die Menschen, die zurückgeblieben sind.


Menschen, deren Leben nach einem Abschied weitergehen muss.


Die morgens aufstehen, ihren Alltag bewältigen, Verantwortung tragen und nach außen vielleicht längst wieder gefasst wirken.


Und die dennoch jemanden vermissen.


Trauer kennt keinen Kalender


Trauer hält sich nicht an Allerheiligen, Geburtstage oder Todestage. Sie begegnet uns oft ganz unvermittelt, mitten im Leben.


Eine vertraute Melodie im Radio.

Ein bestimmter Duft.

Ein gemeinsamer Weg, den wir plötzlich allein gehen.

Oder ein schöner Augenblick, den wir so gerne mit einem Menschen teilen würden, der nicht mehr da ist.


Dann ist die Erinnerung plötzlich ganz nah.

Ich kenne solche Augenblicke aus meinem eigenen Leben. Ich habe Menschen verloren, die mir viel bedeutet haben.

Und ich weiß, dass Trauer nicht einfach verschwindet, nur weil Zeit vergangen ist.

Sie verändert sich.


Manchmal wird sie leiser. Manchmal überrascht sie uns mit einer Intensität, die wir längst überwunden glaubten. Und manchmal schenkt sie uns sogar ein Lächeln, weil eine Erinnerung so lebendig ist, dass wir für einen Moment wieder ganz nah bei diesem Menschen sind.


Vielleicht ist es gerade das, was Trauer so menschlich macht: Sie lässt sich nicht planen, nicht beschleunigen und schon gar nicht nach einem festen Zeitplan abschließen.


Was bleibt, wenn ein Mensch geht?


In meiner Arbeit als freie Trauerrednerin begegne ich Familien, die auf sehr unterschiedliche Weise Abschied nehmen.


Manche finden Trost im Glauben. Andere in der Musik, in der Natur, in gemeinsamen Erinnerungen oder im Gespräch mit vertrauten Menschen.


Wieder andere finden Halt bei einem geliebten Tier oder in einer Beschäftigung, die ihnen ein Stück Normalität und Geborgenheit schenkt.


Was mich dabei immer wieder bewegt, ist die Liebe, die in diesen Begegnungen spürbar wird.


Sie zeigt sich nicht nur in Tränen.


Manchmal liegt sie in einer kleinen, liebevollen Anekdote. In einem verschmitzten Lächeln. In einer Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse oder in einem herzhaften Lachen mitten in der Traurigkeit.


Und manchmal zeigt sie sich gerade dort, wo Worte fehlen.


Nicht jede Beziehung war einfach. Nicht jeder Abschied ist versöhnt. Auch unerfüllte Wünsche, schwierige Erinnerungen oder ungeklärte Fragen können zur Trauer gehören.


All das darf seinen Platz haben.


Denn jeder Mensch hinterlässt Spuren. Und jede Beziehung erzählt ihre eigene Geschichte.


Weiterleben bedeutet nicht vergessen


Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich selbst im Laufe meines Lebens gewinnen durfte:

Wir müssen einen Menschen nicht vergessen, um weiterleben zu dürfen.


Wir können einem verstorbenen Menschen weiterhin einen Platz in unserem Leben geben.


Nicht, indem wir an der Vergangenheit festhalten müssen, sondern indem wir die Verbindung auf unsere eigene Weise bewahren.

In Gedanken. In kleinen Ritualen. In Musik. In der Natur. In Geschichten, die wir weitererzählen.


Und gleichzeitig dürfen wir neue Wege gehen.

Wir dürfen Freude empfinden, lachen, lieben und unser Leben gestalten. Wir dürfen neue Menschen kennenlernen, neue Erfahrungen machen und wieder glücklich sein.


Das bedeutet nicht, dass unsere Liebe zu den Verstorbenen geringer geworden ist.


Trauer und Lebensfreude dürfen nebeneinander bestehen.


Manchmal braucht es lange, bis wir uns das selbst zugestehen können. Und manchmal braucht es Menschen an unserer Seite, die uns darin bestärken.


Auch zwischen dunklen Wolken kann wieder Licht sichtbar werden.
Auch zwischen dunklen Wolken kann wieder Licht sichtbar werden.

Trauer braucht Raum – und Menschen, die bleiben


Vielleicht ist Allerheiligen deshalb nicht nur ein Tag des Gedenkens an die Verstorbenen.


Vielleicht ist es auch ein Tag, an dem wir den Lebenden besondere Aufmerksamkeit schenken dürfen.


Denjenigen, die einen Menschen vermissen. Die sich manchmal einsam fühlen, obwohl sie von anderen umgeben sind. Die nach außen stark wirken und sich innerlich doch nach einem vertrauten Menschen sehnen.


Wie oft fragen wir jemanden nach einem Verlust, wie es ihm geht?


Und wie oft tun wir das noch Monate oder Jahre später?


Dabei braucht es manchmal gar nicht viel.


Ein Anruf. Eine Einladung zu einem Spaziergang. Eine gemeinsame Erinnerung. Oder einfach einen Menschen, der zuhört, ohne sofort trösten oder etwas verändern zu wollen.


Nicht jeder Schmerz braucht eine Erklärung. Nicht jede Trauer braucht einen guten Rat.


Manchmal braucht sie einfach Raum. Und einen Menschen, der da ist.


Trost finden – manchmal auf neuen Wegen


Ich selbst finde in der Natur immer wieder Momente, in denen Erinnerungen ihren Platz bekommen dürfen.


Beim Gehen verändern sich manchmal auch die Gedanken. Der Blick wird weiter. Die Schritte finden ihren eigenen Rhythmus.


Ein Baum, der seine Blätter verliert. Ein Weg, der hinter einer Biegung weiterführt. Sonnenlicht, das zwischen dunklen Wolken hervorbricht.


Die Natur nimmt uns die Trauer nicht ab.


Aber sie kann uns einen Ort schenken, an dem wir nichts erklären müssen. An dem wir einfach sein dürfen – mit allem, was gerade da ist.


Vielleicht entsteht dort ein wenig Ruhe. Vielleicht eine neue Perspektive. Vielleicht auch nur ein Augenblick, in dem das Atmen wieder leichter fällt.


Und manchmal ist genau das genug.


Nicht jeder Weg ist leicht. Aber wir dürfen ihn in unserem eigenen Tempo gehen.
Nicht jeder Weg ist leicht. Aber wir dürfen ihn in unserem eigenen Tempo gehen.

Die Liebe bleibt. Und das Leben geht weiter.


Nicht immer leicht. Nicht immer geradlinig. Und ganz gewiss nicht nach einem festen Zeitplan.


Manche Tage werden schwer bleiben. Andere dürfen wieder hell werden.


Wir müssen uns nicht zwischen Erinnern und Weiterleben entscheiden.


Wir dürfen beides.


Vielleicht können wir gerade an einem Tag wie Allerheiligen daran denken, dass nicht nur die Verstorbenen einen Platz in unseren Gedanken verdienen.


Sondern auch die Menschen, die mit ihrer Trauer weiterleben.

Die jeden Tag aufs Neue ihren Weg finden.


Die vermissen, erinnern, lieben und irgendwann vielleicht wieder voller Zuversicht nach vorne schauen.


Denn die Liebe bleibt. Und das Leben geht weiter.


Allen Menschen, die heute jemanden besonders vermissen, wünsche ich einen Moment der Nähe, der Erinnerung und des Trostes.


Und vielleicht eine liebevolle Erinnerung, die für einen Augenblick sogar ein Lächeln schenkt.


Sabine Nickel

Freie Trauerrednerin | Kirchenmusikerin | Hospizbegleiterin


Ich begleite Menschen bei Abschieden und gebe Lebensgeschichten in meinen Trauerreden einen persönlichen und würdevollen Raum.

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page