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Zwischen Himmel und Erde – Gedanken zum ersten Weihnachten ohne meinen Bruder

Aktualisiert: 24. Dez. 2025

Im Juli ist mein Bruder bei einem Unfall in den Bergen gestorben. Fünf Monate sind vergangen, und doch fühlt es sich noch immer unwirklich an. Als hätte sich etwas Wesentliches aus der sichtbaren Welt zurückgezogen, ohne wirklich verschwunden zu sein.

Sein Tod hat mir schmerzlich vor Augen geführt, wie schnell ein Leben enden kann. Wie dünn die Linie ist zwischen dem Heute und dem Abschied. Und wie wenig Kontrolle wir letztlich über das haben, was wir planen, hoffen und festhalten möchten.


Trauer ist so individuell wie das Leben selbst. Jeder Mensch geht anders mit Verlust um. Es hängt davon ab, wie wir miteinander verbunden waren, welche Erinnerungen uns tragen – und welche Spuren ein Mensch in unserem Inneren hinterlassen hat. Denn jedes Leben hinterlässt Spuren: einmalige, unverwechselbare.


Nun steht das erste Weihnachten bevor, ohne einen physischen Gruß meines Bruders. Kein humorvoller Kommentar, keine kurze Nachricht, kein augenzwinkernder Spaß. Gerade sein Humor fehlt mir sehr – diese Leichtigkeit, die vieles relativieren konnte. Oft sind es nicht die großen Ereignisse, sondern die kleinen, selbstverständlichen Zeichen von Nähe, die uns im Verlust am schmerzlichsten bewusst werden.


Weihnachten führt mich auch zurück in unsere gemeinsame Kindheit. In das Elternhaus. Zu all den Momenten, die uns geprägt haben: Nähe und Streit, Freude und Verletzlichkeit, gemeinsames Wachsen. Diese Erinnerungen bleiben – als innere Bilder, die tragen, auch wenn ein Mensch nicht mehr körperlich anwesend ist.

Für mich ist da die Hoffnung, dass mein Bruder gut aufgehoben ist. Dass es eine Ebene gibt, auf der Verbundenheit weiterbesteht – jenseits dessen, was wir sehen oder festhalten können. Vielleicht zeigt sie sich leise: als Wärme, als plötzlich auftauchende Erinnerung, als stilles Wissen.


Menschen trauern auf sehr unterschiedliche Weise. Manche finden Trost in solchen Vorstellungen, andere in Erinnerungen, Ritualen oder im gemeinsamen Schweigen. All das darf nebeneinander bestehen.


Ich begleite Menschen in Zeiten des Abschieds. Und doch lehrt mich meine eigene Trauer immer wieder Demut. Sie zeigt mir, dass Trauer kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Weg, der gegangen werden will – Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die in diesem Jahr einen geliebten Menschen besonders schmerzlich vermissen, einen Weg, der Halt gibt. Einen Weg, der Raum lässt für Schmerz und zugleich für Trost. Für Erinnerungen – und für das, was trägt.


Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten und die stille Gewissheit, dass Liebe stärker ist als der Tod. Und dass das, was uns wirklich verbindet, nicht verloren geht.



 
 
 

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