Versöhnung vor dem Abschied – was Menschen am Lebensende oft bereuen
- Sabine Nickel - Trauerrednerin

- 9. Juni
- 2 Min. Lesezeit
In Gesprächen mit Trauernden, Angehörigen und auch während meiner Hospizbegleitung begegnet mir immer wieder ein Thema:
Unerledigte Beziehungen.
Ein Streit, der nie geklärt wurde.
Ein Gespräch, das immer wieder aufgeschoben wurde.
Ein Brief, der nie geschrieben wurde.
Eine Entschuldigung, die unausgesprochen blieb.
Oder einfach der Wunsch, einen Menschen noch einmal zu sehen.
Viele Menschen tragen solche Gedanken über Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte mit sich herum. Oft gibt es gute Gründe dafür. Verletzungen, Missverständnisse, Enttäuschungen oder ganz oft die Angst vor einer Zurückweisung.
Doch je älter wir werden, desto häufiger stellt sich eine andere Frage:
Was wäre, wenn ich den ersten Schritt wagen würde?
In der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen höre ich selten, dass jemand bereut, einen Versöhnungsversuch unternommen zu haben.
Viel häufiger höre ich Sätze wie:
„Ich hätte ihn gerne noch einmal gesehen.“
„Ich hätte ihr gerne gesagt, dass ich ihr längst verziehen habe.“
„Ich hätte mich gerne noch einmal bedankt.“
Nicht jede Geschichte findet ein glückliches Ende.
Nicht jede ausgestreckte Hand wird angenommen.
Manchmal bleibt die Antwort aus.
Manchmal ist ein Gespräch nicht mehr möglich.
Und doch kann es heilsam sein, den eigenen Teil zu tun.
Einen Brief zu schreiben.
Zum Telefon zu greifen.
Eine Nachricht zu senden.
Oder einfach auszusprechen, was lange im Herzen getragen wurde.
Frieden entsteht nicht immer dadurch, dass zwei Menschen wieder zueinanderfinden. Manchmal entsteht Frieden auch dadurch, dass wir den Mut haben, einen Schritt auf den anderen zuzugehen – ohne Erwartungen, aber mit offenem Herzen.
Als Trauerrednerin erlebe ich immer wieder, wie wertvoll es ist, wenn Menschen sich noch zu Lebzeiten begegnen, aussprechen und versöhnen können.
Denn Abschiede gehören zum Leben.
Doch manche Abschiede werden leichter, wenn nichts Wichtiges mehr unausgesprochen bleibt.
Vielleicht gibt es auch in Ihrem Leben einen Menschen, an den Sie gerade denken.
Dann könnte heute ein guter Tag sein, den ersten Schritt zu machen.

Frieden mit der Vergangenheit bedeutet nicht, alles vergessen zu müssen. Frieden bedeutet, mit offenen Augen auf das eigene Leben zurückzublicken.
Foto: Sabine Nickel
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